Von der Oberfläche weg - hin zu echtem Erleben
Interview mit der Dortmunderin Anja Rupprecht, die vom 14. bis 18. Juli bei der Straßenarbeit in Berlin mitgemacht hat. Die Fragen stellte: Edda Dietrich
Anja, du hast im Juli einen Teil deines Urlaubes in Berlin verbracht, um bei der Aktion Volksabstimmung dabei zu sein. Warum?
AR: Vor ungefähr sechs Jahren habe ich die Arbeit des Omnibusses für Direkte Demokratie kennengelernt. In der darauf folgenden Zeit nahm ich - wann immer möglich -, die Gelegenheit wahr, Werner Küppers, den Fahrer und die vielen anderen Hauptaktiven dieser Initiative zu erleben und an ihren Auseinandersetzungen zu den verschiedensten Themen rund um unser Menschsein und die Gesellschaft teilzuhaben.
Ich bin sehr froh, dass es die Initiative „Omnibus für Direkte Demokratie“ gibt. Durch alles, was ich am und um den Omnibus erfahren habe, bekam ich erstmals eine Idee davon, dass es wirklich möglich sein könnte, unsere Welt in eine gerechte und menschenwürdige Welt zu verwandeln. Die Arbeit im Kleinen, ganz konkret vor Ort, sie hat mir eine Vorstellung gegeben, wie es im Großen gehen könnte. Ich hatte zum ersten Mal ein echtes Interesse an der politischen Lage in unserem Land.
Eigentlich wollte ich irgendwann einmal mit dem Omnibus mitfahren, aber leider hat es terminlich nie geklappt hat. Aber ich wollte mich für die Volksabstimmung einsetzen, um auch meinen Teil zum „großen Unternehmen Menschheit“ beizutragen. Als du dann sagtest, dass du während meiner Urlaubszeit in Berlin für die Volksabstimmung unterwegs sein würdest, habe ich mich entschlossen: Ich mache auch mit!
Welche Wünsche und Vorstellungen hattest du im Gepäck?
AR: Ich sehe diese Arbeit als sinnvoll und wichtig an. Für mich war die Woche in Berlin eine persönliche Herausforderung, auf die ich zugehen wollte. Ich wollte lernen, wie ich mit fremden Menschen, die mir auf der Straße begegnen, ins Gespräch kommen kann. Ich wollte mich für die bundesweite Volksabstimmung einsetzen und neue Erfahrungen sammeln. Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, ahnte aber, dass diese Arbeit nicht immer leicht für mich sein würde.
Haben sich deine Vorstellungen erfüllt?
AR: Meine Vorstellungen haben sich mehr als erfüllt ...
Ich persönlich hätte es leichter gefunden, den Omnibus "im Rücken" zu haben, auf den ich ganz konkret hätte verweisen können. Ohne den Omnibus wuchs die Herausforderung, allein für die Sache einzustehen. Wobei das nicht ganz stimmt, denn wir waren immer zu weit oder zu dritt unterwegs. Das hat mir geholfen. Wichtig für mich ist der rege Austausch unter den Aktionsteilnehmern gewesen. Die Gespräche mit den anderen, die tägliche Möglichkeit zur Reflexion, die Verarbeitung des eigenen Erlebens war in diesem Miteinander ein wesentlicher Bestandteil dieser Tage in Berlin. Wäre ich für mich allein gewesen, ich hätte nicht so profitieren können.
Was hattest du nicht erwartet?
AR: Was ich nicht erwartet hätte: dass diese Erfahrungen so tief gehen würden.
Im Kontakt mit den Menschen, in meinem Bemühen, ihnen das Anliegen Volksabstimmung nahezubringen, geriet ich immer wieder in spannende Gespräche, manchmal sogar in Streitgespräche oder in ein nicht enden wollendes Hin und Her. Da gab es Gespräche, die dauerten mehr als eine Stunde. Oft musste ich mich fragen, wie gehe ich jetzt damit um? Wie schaffe ich es, achtsam für mein Gegenüber zu bleiben, aber auch für mich? Ich kam in Grenzsituationen. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Es war manchmal schwierig für mich, einen guten Standpunkt zu finden, aber es war eine wertvolle Erfahrung.
Jetzt bist du wieder einige Tage zurück in Dortmund. Hat sich in deinem Alltag etwas verändert?
AR: Wenn ich die Aktionskarten auf meinem Schreibtisch liegen sehe, bekomme ich Lust, wieder loszugehen und Menschen anzusprechen, obwohl mich dies so alleine immer noch Überwindung kosten würde.
Ich habe auch über die Bedeutung des Wortes „Entschluss“ nachgedacht:
Ich brauchte den Entschluss, nach Berlin zu fahren.
Auf der Straße brauchte ich jedes Mal den inneren Entschluss, einen Menschen anzusprechen.
Ich kann mich dazu entschließen, in meinem Leben etwas zu ändern. Was bedeutet dann aber der Entschluss, wenn ich es nicht schaffe, ihn umzusetzen?
War es dann vielleicht kein wirklicher Entschluss? Woran erkenne ich einen wirklichen Entschluss? Oder woran spüre ich, ob ein Entschluss reif ist?
Ich denke jetzt: Entschluss, - mit dem Schluss ist jetzt „Ent“ - Ende. Jetzt fange ich was Neues an ...
Was würdest du sagen, nimmst du vor allem aus den Aktionstagen in Berlin mit?
AR: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein erster Eindruck, den ich von manchen Menschen hatte, überhaupt nicht stimmte. Gefreut habe ich mich, dass ich anscheinend allen gegenüber offen genug sein konnte, die innere Bewegung von der Oberfläche weg, - hin zum echten Erleben zu vollziehen.
Außerdem habe ich einige der unbekannteren Ecken von Berlin kennengelernt. Im Vordergrund standen die Menschen und nicht die Sehenswürdigkeiten. So habe ich Berlin von der Menschenseite her kennengelernt.



